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Gewalt

Unter Gewalt gegen Frauen verstehen wir jede individuelle Handlung und jede gesellschaftliche Struktur, die:
  • die körperliche und seelische Integrität von Frauen bedroht und verletzt und sie in ihrem Wert, Status und ihrer Autonomie einschränkt,
  • als Mittel zur Ausübung von Macht und Kontrolle über Frauen eingesetzt wird, um das historisch gewachsene ungleiche Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen aufrechtzuerhalten (1).

Gewalt gegen Frauen ist eine komplexe Form der Ausbeutung, Unterdrückung und Kontrolle überwiegend ausgeübt durch Ehemänner/Partner oder andere Personen des sozialen Umfeldes der Frau. Dazu gehören alle Formen physischer, psychischer und sexueller sowie ökonomischer und sozialer Gewaltanwendung.

Die in der Öffentlichkeit oft als einzige wahrgenommene Form der Gewalt gegen Frauen ist die physische Gewalt. Die Angriffe reichen beispielsweise von Ohrfeigen, an den Haaren ziehen über schwere körperliche Misshandlungen, wie Schläge mit der Faust, Fußtritte, Würgen, Verrenken, Verletzungen durch Anwendung von Waffen oder als Waffen benutzten Gegenständen, Verstümmelungen und Verbrennungen bis hin zu lebensgefährlichen Verletzungen oder sogar Tod.

Unter psychischer Gewalt sind zum Beispiel Bedrohungen jeglicher Art zu verstehen, wie die Drohung, die Frau oder eine andere Person zu verletzen oder umzubringen, sich selbst das Leben zu nehmen, dem Sozialamt, Jugendamt, der Ausländerbehörde oder anderen Institutionen bestimmte Informationen zukommen zu lassen, die für die Frau von Nachteil sind. Gemeint sind aber auch alle Formen von Herabsetzung der Frau. Dazu gehören das Anschreien, die Frau vor anderen "schlecht machen", sie beschimpfen und beleidigen, ihr Schuldgefühle und Unfähigkeiten einreden, sie für verrückt erklären etc.

Die sexuelle Gewalt umfasst sexuelle Praktiken, zu denen die Frau direkt oder indirekt gezwungen wird. Das sind unter anderem erzwungene vaginale, anale und orale Penetration, Zwang zu anderen sexuellen Handlungen einschließlich Zwangsprostitution und Perversion, erzwungenes Anschauen von Pornographie etc.

Die ökonomische Gewalt spiegelt sich oft in der alleinigen Verfügungsgewalt des Mannes über die finanziellen Ressourcen der Familie wieder. Die Frau hat keinen Einfluss auf die Verwendung der finanziellen Mittel. Von ihr selbst erarbeitetes Geld wird ihr weggenommen. Ausbildung oder Berufstätigkeit werden boykottiert oder verhindert, was in der Regel zu einer finanziellen Abhängigkeit führt, die wiederum das Armutsrisiko im Falle einer Trennung erhöht.

Soziale Gewalt beinhaltet die breite Palette des Ausnutzens männlicher Privilegien und weiblicher Abhängigkeiten und wird beispielsweise deutlich im dominanten und Entscheidungsmacht beanspruchenden Verhalten des Mannes gegenüber der Frau, wie z.B. sich selbst Affären zu erlauben – die Frau jedoch mit Eifersucht zu quälen, familiäre Entscheidungen zu treffen, die Kinder gegen die Mutter zu beeinflussen etc. Ein anderes Beispiel für soziale Gewalt ist die oft schleichend verlaufende Isolation der Frau durch Einsperren oder Verbote, zu telefonieren, das Haus zu verlassen, Kontakte mit anderen Personen zu unterhalten oder durch unangemessenes Verhalten dritten gegenüber, diese zum Kontaktabbruch zu bewegen sowie die Kontrolle darüber, was die Frau tut, was sie liest, was sie denkt etc.

Frauen sind in der Regel nicht nur einer Erscheinungsform von Gewalt ausgesetzt und je subtiler die Gewaltanwendung ist, um so schwieriger ist es für die Frau, diese als solche wahrzunehmen und sich davon zu befreien. Aber auch bei eindeutig als Gewalt erkannter körperlicher Misshandlung wirken die anderen Gewaltformen oft in einer Weise, die es der Frau erschwert, die Gewaltbeziehung zu verlassen (drohende existenzielle Unsicherheit durch finanzielle Abhängigkeit vom Mann, fehlende helfende soziale Kontakte durch vorangegangene Isolation, Sorge um die Kinder, ihr eingeredete Schuldgefühle, zerstörtes Selbstwertgefühl durch ständige Demütigungen, Angst vor weiterer Bedrohung bzw. vor eskalierender Gewalt bei Trennungsabsichten etc.).

In jedem Fall hat Gewalt zerstörerische Folgen und wirkt in alle Lebensbereiche der Frau, oft auch dann noch, wenn sie sich vom gewalttätigen Partner getrennt hat. Eine traumatisierende Dynamik kann Gewalt insbesondere dann entwickeln, wenn sie über einen längeren Zeitraum stattfindet oder wenn es sich um ein einmaliges aber lebensbedrohliches Ereignis handelt. Psychische oder psychosomatische Erkrankungen oder Störungen sind dann als Folge nicht ausgeschlossen.
Nicht selten müssen sich die Frauen nach einer Trennung völlig neu orientieren, sozusagen noch mal von vorne anfangen. Das beginnt bei der Sicherung existenzieller Notwendigkeiten und endet bei der Verabschiedung von alten und der Entwicklung neuer Lebensentwürfe. Ein Weg, der oft verbunden ist mit Schmerz, Trauer und Wut. Und der um so härter ist, je schwerer die Bedingungen sind, unter denen er beschritten wird. In vielen Fällen hält auch nach der Trennung die Bedrohung durch den Mann an und besonders gefährlich ist es, wenn es gemeinsame Berührungspunkte, wie z.B. Kinder, gibt.

Gewalt gegen Frauen wird in allen Bevölkerungsschichten ausgeübt
, unabhängig vom sozialen Status, der Herkunft oder dem kulturellen oder religiösen Hintergrund der Betreffenden. Gewalt gegen Frauen wird auch in gleichgeschlechtlichen Beziehungen ausgeübt.

Besonderen Schwierigkeiten sind jedoch Migrantinnen ausgesetzt. Sprachbarrieren, oft durch das Verbot des Mannes, die deutsche Sprache zu erlernen oder fehlende staatliche Förderung verursacht, halten die Frauen in einer für sie gefahrenvollen Isolation und erschweren beispielsweise die Inanspruchnahme von Hilfsmöglichkeiten. Verfügen die Frauen über keinen eigenen Aufenthaltsstatus bzw. ist dieser an den des Mannes gebunden, so bedeutet das für sie nicht selten, dass sie das gewalttätige Verhalten des Mannes versuchen zu ertragen oder in ein existenzbedrohendes, illegales Leben flüchten müssen, weil ihnen sonst die Abschiebung in ihr Heimatland droht. Fehlende oder eingeschränkte Arbeitserlaubnis, gesellschaftliche Diskriminierung und Stigmatisierung lassen die Frauen in einem hohen Maß von dem Mann abhängig sein, was insbesondere im Zusammenhang mit den vorher genannten Faktoren wiederum die Loslösung aus der Gewaltbeziehung verhindern kann.

Es gibt eine ganze Reihe von Faktoren (Alkohol, spezielle Persönlichkeitsmerkmale des Mannes oder der Frau, eine bestimmte Beziehungsdynamik etc.), die fälschlicherweise oft als Ursache betrachtet und nicht selten als Entschuldigung oder Rechtfertigung herangezogen werden. Gewalttätiges Handeln jedoch ist ein zielgerichtetes Handeln, dem (bis auf wenige Ausnahmefälle) immer eine bewusste Entscheidung, nämlich die Wahl des Mittels (Gewalt) zur Zielerreichung (Durchsetzung der eigenen Interessen), vorangeht. Das heißt aber auch, die Verantwortung für gewalttätiges Verhalten liegt bei dem, der die Gewalt anwendet.
Die herrschenden gesellschaftlichen, auf patriarchalen, ökonomischen und rassistischen Machtverhältnissen basierenden Normen und geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen sowie die damit verbundene Minderbewertung und Benachteiligung von Frauen bieten einerseits eine Basis für das Erlernen gewalttätigen Handelns und begünstigen andererseits die Anwendung dieser dann im Handlungsrepertois vorhandenen Verhaltensmuster. Letzteres insbesondere durch die nach wie vor fehlende ausreichende gesellschaftliche und rechtliche Sanktionierung von Gewalt gegen Frauen und die mangelhafte Inverantwortungnahme der Täter.

Gewalt gegen Frauen muss auf individueller, sozialer und gesellschaftspolitischen Ebene bekämpft werden. In den Strategien gegen Gewalt gegen Frauen bedarf es einer unbedingten Berücksichtigung jener Rahmenbedingungen, die Gewalt ermöglichen und fördern. Sie müssen sich gegen jede Diskriminierung von Frauen und Frauenhass richten und die Täter für ihr Handeln zur Verantwortung ziehen. Wo auch immer Interventionen ansetzen, ist ein kooperatives und koordiniertes Vorgehen aller Beteiligten notwendig und vor allem die unmittelbare Bezugnahme auf die Interessen und Schutzbedürfnisse der betroffenen Frauen und Kinder.

1) Vgl. BRANDAU/RONGE, Gewalt gegen Frauen im häuslichen Bereich. Berlin 1997, S.3