Konzept

Projekt und Kapazität

Frauenhaus BORA
53 Betten für Frauen und Kinder

Ausgangssituation

In Berlin wurde am 7. Juli 1976 das erste Frauenhaus der Stadt eröffnet. Im Laufe der Jahre erweiterte sich die Anzahl der Häuser auf sechs. Obwohl die Mitarbeiterinnen auf erfolgreiche Jahre ihrer Arbeit zurückblicken können, muss festgestellt werden, dass die Gewalt gegen Frauen und ihre Kinder nicht abgenommen hat.

In Berlin wurden im Jahr 2015 insgesamt 14.490 Fälle häuslicher Gewalt bei der Polizei registriert (Vorjahr: 15.254 Fälle). 1.176 Frauen* und 1.116 Kinder (Vorjahr: 1.196 Frauen und 1.081 Kinder) haben in den Berliner Frauenhäusern und Zufluchtswohnungen Schutz und Hilfe gesucht. (Quelle: Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Abteilung Frauen und Gleichstellung, Berlin)

Dieser Anzahl der Gewalttaten stehen nur 301 Plätze in Berlins Frauenhäusern gegenüber.

Opfer von Partnerschaftsgewalt sind zu 80 Prozent Frauen*. Mehr als 51 Prozent von ihnen haben in einem gemeinsamen Haushalt mit dem Tatverdächtigen gelebt. Das zeigt die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Demnach wurden in Deutschland im Jahr 2016 insgesamt 133.080 Personen erfasst, die Opfer von Partnerschaftsgewalt wurden. Knapp 109.000 Opfer waren weiblich. Die PKS erfasste folgende versuchte oder vollendete Delikte gegen Frauen*:

  • Vorsätzliche, einfache Körperverletzung: über 69.700
  • Bedrohung: über 16.700
  • Gefährliche Körperverletzung: rund 11.900
  • Stalking: über 7.600
  • Mord und Totschlag: 357

(Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)

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Leitbild

Gewalt gegen Frauen* und ihre Kinder ist keine Ausnahmeerscheinung, kein Sonderfall, sondern alltägliche Realität in einer Gesellschaft, die sich als modern und human begreift. Das Frauenhaus BORA versucht diesen Tatbestand zu beleuchten, öffentlich zu machen und ihm entgegenzuwirken.

Den von Gewalt betroffenen Frauen* und Kindern bieten wir Schutz und Unterstützung an. Unsere Arbeit verstehen wir als eine parteiliche mit und für Frauen. Unsere Aufmerksamkeit gilt der strukturellen Gewalt gegen Frauen*, ihrem geschichtlichen sowie gegenwärtigen Hintergrund, der sich unter anderem in der konkreten Lebenssituation unterschiedlicher Frauen* und ihrer Kinder widerspiegelt. Dies findet Umsetzung in unserem gemeinsamen Handeln mit den Frauen*, dem solidarischen Miteinander der Bewohnerinnen, unserer Unterstützung für die Frauen*, unserer politischen Arbeit und der Vernetzung mit Frauenprojekten.

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Zielgruppe

Das Frauenhaus BORA ist ein Zufluchtsort für Frauen* und Kinder, die von Gewalt betroffen sind, unabhängig von Staatsangehörigkeit, Herkunft, Religion und Alter.
Jungen, die das 14. Lebensjahr vollendet haben, können nicht ins Frauenhaus aufgenommen werden. Sie werden mit ihrer Mutter durch die BIG Hotline in einer anderen Zufluchtsunterkunft untergebracht. Ausnahmen bilden hierbei Mütter mit Jungen, die auf das rollstuhlgerechte Wohnen in unserem Haus angewiesen sind.

Kunden, die einen Nutzen aus unserer Arbeit ziehen können, sind u.a.:

  • Senat von Berlin
  • Polizei
  • Medien
  • Behörden
  • Beratungsstellen

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Einzugsbereich

Das Frauenhaus BORA arbeitet bezirksübergreifend und überregional. Frauen*, die im Bezirk des Frauenhauses ansässig sind, müssen zumeist aus Sicherheitsgründen in einem anderen Frauenhaus untergebracht werden.

Grundsatzziele der Arbeit im Frauenhaus

  • Das Frauenhaus BORA bemüht sich in seinen Leistungen darum, Frauen und ihre Kinder vor Gewalt zu schützen und eine Veränderung ihrer bedrohlichen Lebensumstände zu erwirken.
  • Die qualifizierten Mitarbeiterinnen unterstützen die Frauen* in ihrer Eigeninitiative und in einem solidarischen Miteinander, um traditionelle patriarchale und rassistische Lebensmuster in Frage zu stellen und eine eigene Vorstellung vom Leben zu gewinnen und umzusetzen.
  • Feministische parteiliche Frauenhausarbeit versucht die Gewalt gegen Frauen* zu ergründen, das Unrecht zu veröffentlichen und diesem entgegenzuwirken.

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Grundsätze der Arbeit

Feministische Parteilichkeit

Wir verstehen unsere Arbeit als eine parteiliche für und mit Frauen*. Bitte lesen Sie hierzu unsere Ausführungen zu unserem Leitbild.

Anonymität

Die Anonymität bezieht sich auf zwei unterschiedliche Bereiche: Zum einen meint sie die Geheimhaltung der Adresse des Frauenhauses zum Schutz vor Verfolgung durch den Misshandler. Die Geheimhaltungspflicht gilt für die Bewohnerinnen und die Mitarbeiterinnen im selben Maße. Zum anderen ist hiermit die Anonymität der Beratung gemeint. Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses unterliegen der Schweigepflicht. Ohne das Einverständnis der Frau* werden keine persönliche Daten oder Informationen an Institutionen oder Privatpersonen weitergeleitet. Innerhalb des Frauenhauses ist die Schweigepflicht für Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen per Hausordnung geregelt.

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Freiwillige, unbürokratische, schnelle Aufnahme

Grundvoraussetzung unserer Arbeit ist der eigene Entschluss der Frauen*, in unserem Haus Zuflucht zu suchen. Die Mitarbeiterinnen sind nicht institutionell daran gebunden, Frauen* per Vorschrift aufzunehmen. Das Frauenhaus ist rund um die Uhr telefonisch erreichbar, so dass hilfesuchende Frauen* sofort und unbürokratisch aufgenommen werden können.

Individuelle Aufenthaltsdauer

Nach der Devise: „So lang wie nötig und so kurz wie möglich“ hängt die Dauer des Aufenthaltes einer jeden Frau* von ihrer individuellen Lebenssituation ab. Es ergeben sich manchmal Gründe, die einen längeren Aufenthalt nötig machen. Dies kann an der Verfassung der Frau* und an äußeren Faktoren liegen. Oftmals sind diese äußeren Faktoren von uns nicht beeinflussbar. Hierbei denken wir an unklare Aufenthaltsstatus, juristische Vorgänge oder den Wohnungsmarkt.

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Kontaktfrauensystem und individuelle, qualifizierte Beratungsarbeit für alle Frauen*, gleich welcher Herkunft

Während des Aufenthalts im Frauenhaus wird jede Frau* von einer Mitarbeiterin (Kontaktfrau) aus dem Frauenbereich und jedes Kind von einer eigenen Kindermitarbeiterin beraten und unterstützt. Dies garantiert die Kontinuität des Arbeitens, intensiviert das Vertrauensverhältnis als Grundvoraussetzung erfolgreicher Sozialarbeit und bestimmt die Zuständigkeit und Verantwortung innerhalb des Teams und gegenüber Behörden.

In der Arbeit mit Migrantinnen berücksichtigen wir ihre Herkunft und ihre spezielle Lebenssituation in Deutschland. Wir arbeiten mit Dolmetscherinnen oder mehrsprachigen Kolleginnen und setzen uns politisch-öffentlich für mehr Rechte ein.

Das Team des Frauenhauses ist interkulturell.

Die Mitarbeiterinnen bilden sich neben der Arbeit beständig weiter. Durch Supervisionen und Evaluation wird die Arbeit kontinuierlich überprüft und passt sich den jeweiligen Anforderungen an.
Die Bewohnerinnen können in rechtlichen Fragen von einer Jurist*in beraten werden. Wir kooperieren mit ausgewählten Psycholog*innen, Ärzt*innen und Beratungsstellen.

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Transparenz

Wir bemühen uns, unsere Arbeitsweisen und Entscheidungsprozesse offen zu legen, um diese nachvollziehbar zu gestalten und eine Diskussion zu ermöglichen.

Ein eigenes Zimmer

Um ein Minimum an privater Sphäre und Ruhe zu gewährleisten, steht jeder Bewohnerin und ihren Kindern ein Zimmer zur Verfügung. Für rollstuhlfahrende Frauen* oder Kinder halten wir ein entsprechendes Zimmer bereit.

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Selbstorganisation der Bewohnerinnen und Hilfe zur Selbsthilfe

Die Organisation und das Bestehen des Frauenhauses kann ohne die Mitarbeit der Bewohnerinnen nicht gewährleistet werden. So garantieren diese z.B die Aufnahmen von Frauen* in der Nacht und an den Wochenenden und regeln ihre gemeinsamen Belange in Hausversammlungen. Ohne die gegenseitige Unterstützung und Hilfe der Frauen* untereinander ist eine der Grundideen des Frauenhauses undenkbar. Die Solidarität der Frauen* untereinander gebietet der Gewalt der Männer Einhalt. Die gemeinsamen Erfahrungen und deren Austausch verhindern die Individualisierung der Gewalterfahrung. Das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen* wird erfahrbar, Gegenstrategien können entwickelt werden.

Unsere Unterstützung und Beratungsarbeit soll weitere Abhängigkeiten unterbinden, frei von Hierarchie sein und die Frauen in ihrer Eigeninitiative fördern.

Qualitätssicherung

Um die Qualität der Arbeit zu garantieren und weiterzuentwickeln, hat BORA verschiedene Instrumentarien in den Arbeitsablauf als feste Bestandteile integriert.

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Organisationsstruktur

Die Personal- und Finanzangelegenheiten werden in der Geschäftsstelle BORA bearbeitet. Dies garantiert eine planvolle und ökonomische Absicherung der Arbeit und der finanziellen Mittel im Frauenhaus.

Die Arbeit im Frauenhaus wird von einem Team aus Sozialarbeiterinnen, Erzieherinnen, einer Psychologin und einer Haushandwerkerin geleistet. Zur Unterstützung des Fachkräfteteams werden weitere Mitarbeiterinnen beschäftigt (MAE, BFD). Außerdem bieten wir Praktikumsplätze im Rahmen der Fachkräfteausbildung an.

Die Verantwortung für das Haus liegt in der Hand der Leiterin des Frauenhauses. Das Team ist in spezielle Arbeitsbereiche aufgegliedert, für die sich einzelne Mitarbeiterinnen verantwortlich zeigen.

BORA e.V. verfügt über eine Mitarbeiterinnenvertretung.

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